Freie Märkte

In meinem vorigen Beitrag habe ich dargelegt, die Europäische Union könne freiheitliche Werte der liberalen Demokratie und der Menschenrechte nur überzeugend nach außen vermitteln, wenn sie klarmacht, „dass sie Demokratie und Menschenrechte im Rest der Welt (und nicht nur daheim) höher schätzt als die niedrigen Preise importierter Güter.“ Bevor ich mich der Frage widme, wie sie das machen kann, möchte ich in meinem heutigen Beitrag ausarbeiten, wie die Werte der Demokratie und der Menschenrechte mit denen des „freien Marktes“ und der „Wettbewerbsfähigkeit“ zu verbinden sind.

Wettbewerbsfähigkeit wird gemeinhin verstanden als die Fähigkeit, ein Produkt zu einem niedrigeren Preis zu verkaufen als die Konkurrenz (zum Beispiel als Folge geringerer Produktionskosten), oder die Fähigkeit, qualitativ bessere Produkte zu einem höheren Preis zu verkaufen (zum Beispiel als Folge innovativer Technik). Der „freie Markt“ wird oft darauf reduziert, dass Preise nicht vom Staat vorgegeben werden, dass die meisten Produkte von Privatunternehmen hergestellt und vertrieben werden, und dass mindestens zwei konkurrierende Unternehmen sehr ähnliche Produkte anbieten. Allerdings sind selbst nach solchen minimalen Definitionen viele Märkte alles andere als frei, da zum Beispiel ein sehr großer Teil der fossilen Brennstoffe von Staatsunternehmen gefördert und vertrieben wird, und in vielen Sektoren Monopole oder quasi-Monopole allen anderen Unternehmen ihre Konditionen aufzwingen (so zum Beispiel im Großhandel vieler landwirtschaftlicher Erzeugnisse, Agrochemikalien und Saaten).

Es gibt jedoch auch anspruchsvollere Maßstäbe der „Freiheit“ des Markts, nach denen es nur wenige wirklich freie Märkte gibt. Ist der Buchhandel „frei“ wenn Amazon sein europäisches Hauptquartier in Irland einrichtet und dadurch prozentual wesentlich geringere Steuern zahlt als die vielen kleineren Buchhandlungen in ganz Europa? Können Arbeitis frei den Preis ihrer Arbeitskraft aushandeln, wenn sie ohne Erwerbsarbeit hungern müssen, die Unternehmis jedoch leicht andere Leute finden können – eventuell in anderen Ländern und Kontinenten? Können Landwirte frei entscheiden, ihr Land schonend zu bearbeiten, ihre Nutztiere einigermaßen artgerecht zu halten, wenn sie deshalb etwas teurer produzieren als die Konkurrenz? Der sogenannte freie Markt ist voller Zwänge, denen sich die wenigstens Akteure am Markt entziehen können. Nichts zeigt dies offensichtlicher als Businessratgeber, die mit äußerst autoritärer Sprache darlegen, was man alles tun „muss“, um am Markt zu bestehen. Letztendlich bestimmen die rücksichtslosesten Marktakteure am Rande der Legalität die Preise und damit die Messlatte, nach denen sich alle anderen richten müssen.

Manche Befürwortis des „freien“ Marktes wollen die Märkte durch Abschaffung möglichst aller gesetzlichen Regeln „befreien.“ „Deregulation“ nennt sich das. Soweit diese Bestrebungen erfolgreich sind, bedeutet dies aber, dass alles andere dem Markt geopfert wird: saubere Luft und sauberes Wasser, die Fruchtbarkeit der Böden, die körperliche und seelische Gesundheit und die Altersvorsorge der arbeitenden Menschen, und vieles andere mehr. Denn wer sich (unter der Voraussetzung fehlender Regeln) um all diese Dinge nicht schert, kann seine Produkte zu einem geringeren Preis verkaufen und gewinnt somit Marktanteile. Daran ändert sich nichts, wenn wohlsituierte und -meinende Menschen versuchen, möglichst sozial und ökologisch korrekt einzukaufen. Solches Verhalten ermöglicht nur Nischenmärkte für die so hergestellten Waren; der Massenmarkt wird überhaupt nicht betroffen.

Tatsächlich sind Gesetze und Regeln notwendig, damit der Wettbewerb die Unternehmen dazu bewegt, Ressourcen nicht nur effektiv zu nutzen, sondern sie auch zu pflegen, menschliche Arbeitskraft nicht nur irgendwie nützlich einzusetzen, sondern sich auch um die Menschen zu kümmern. Ungeregelter Wettbewerb führt zu einer Mentalität des Nehmens ohne je etwas geben zu wollen. Das führt schließlich zum Ruin aller Beteiligten, da die ökologischen und sozialen Lebensgrundlagen zerstört werden – ohne die übrigens auch kein Markt existieren kann. Das heißt, ohne Regeln geht es nicht.

Je mehr aber auf dem Spiel steht, um so mehr Regeln werden gebraucht. Eine Analogie zum Sport kann das verdeutlichen. Ein Fußballspiel auf dem Bolzplatz in der Nachbarschaft erfordert nur wenige Regeln, zwei Rücksäcke können als Begrenzung des Tors dienen, Schiedsrichter werden nicht gebraucht, Abseitsregeln werden sehr lässig gehandhabt, usw. Je weiter nach oben es geht, das heißt zu lokaler und regionaler Liga, 3. bis 1. Bundesliga, bis hin zum internationalen Fußball, um so umfangreicher werden die Regeln. Vier Offizielle, Videobeweis, akribische Bewertung jedes Handspiels und jeder Abseitsstellung usw., gibt es nur in den höchsten Ligen, wo Millionenbeträge vom Ausgang jedes Spiels abhängen. Ähnlich ist es bei Märkten. Je mehr weltumspannenden Handel es gibt, mit einer schier unendlich anmutenden Vielzahl an Produkten, deren Herstellungsmethoden aus der Distanz kaum nachvollzogen werden können, um so wichtiger ist ein umfangreiches Regelwerk.

Frei ist ein Markt also nicht, wenn es keine Regeln gibt. Sondern: frei ist ein Markt, wenn alle Beteiligten frei an der Aushandlung der Regeln teilnehmen können. Diese freie Aushandlung der Regeln ist nur möglich, wenn alle das Recht auf freie Meinungsäußerung haben, es Pressefreiheit gibt, wenn alle Menschen sich frei zu Gewerkschaften, Parteien, Verbänden, Vereinen, Interessengemeinschaften usw. zusammenschließen können, um ihre Rechte auch kollektiv zu vertreten, wenn die Gerichte und die Kontrollbehörden dafür sorgen, dass die vereinbarten Regeln auch eingehalten werden, wenn es Schutz gibt vor politischer Gewalt. Das heißt, eine freie Aushandlung der Marktregeln ist nur möglich unter den Bedingungen eines demokratischen Gemeinwesens mit einer verlässlichen Rechtsordnung. Derzeit werden diese Bedingungen nur in demokratischen Rechtsstaaten erfüllt. Daraus folgt: wo es keinen demokratischen Rechtsstaat gibt, gibt es keinen freien Markt.

Ich wiederhole: wo es keinen demokratischen Rechtsstaat gibt, gibt es keinen freien Markt.

Oder noch etwas anders ausgedrückt: Demokratie ist eine notwendige, aber keine ausreichende Bedingung für einen freien Markt. Eine ausreichend Bedingung ist sie nicht, denn erstens garantiert die Existenz einer Demokratie noch lange nicht die adäquate politische und gesellschaftliche Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen, und zweitens sind Aushandlungsprozesse dieser Art sehr langwierig und können Generationen in Anspruch nehmen. Drittens müssen Marktbedingungen immer wieder neu ausgehandelt werden wegen technischen Wandels, veränderter Verfügbarkeit der verschiedensten Ressourcen, veränderter Gefährdungslage der Ökosystems usw.

Das heißt, freie Märkte sind eine Utopie, von der wir sehr weit entfernt sind. Sofern wir am Konzept des freien Marktes festhalten, lohnt es sich, daran zu arbeiten, Märkte immer ein bisschen freier zu gestalten. Gleiches gilt im Übrigen auch für alle anderen gesellschaftlichen Institutionen, die unser Zusammenleben regeln – jegliche Institution kann nur frei sein, wenn die sie betreffenden Regeln frei ausgehandelt worden sind und neu verhandelt werden können. Es wird ja längst nicht alles über Märkte geregelt. Die Verkehrsinfrastruktur wird großenteils vom Staat verwaltet, öffentlicher Nahverkehr wird von regionalen Verkehrsverbünden betrieben. Gesetzliche Sozialversicherungen agieren in einem staatlich vorgegebenen Rahmen, in dem Marktprinzipien nur eine untergeordnete Rolle spielen. Vieles machen wir in Eigenversorgung entweder individuell oder in Haushalten. Universelle Schulbildung ist erst durch öffentliche Schulen ermöglicht worden. Zur Freiheit eines Landes gehört deshalb, dass das politische System es erlaubt, frei auszuhandeln, welche Lebensbereiche durch welche gesellschaftlichen Institutionen geregelt werden.

Im internationalen Handel werden Güter und Dienstleistungen angeboten, die unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen hergestellt worden sind. In vielen Ländern haben diese Voraussetzungen nichts oder nur sehr wenig gemein mit „freien Märkten“ wie ich sie hier definiert habe. Ohne verbindliche Regeln zum Schutz der Umwelt und der Menschenrechte können aber die Produkte, die ohne Rücksicht auf Umwelt und Menschenrechte hergestellt worden sind, zu einem niedrigeren Preis angeboten werden. Deren Verkäufer genießen einen Wettbewerbsvorteil.

Warum gibt es trotzdem manche Länder mit intern relativ „freien“ Märkten? Weil diese Länder eine privilegierte Stellung im Welthandel haben, die sie meist unter anderem einer Geschichte des Kolonialismus zu verdanken haben. Sie können sich dem zerstörerischen Wettbewerb einigermaßen entziehen – zumindest zeitweilig.

Freiheit kann aber kein Luxus sein, denn Luxus ist ein Privileg und keine Freiheit.

Deshalb sollten sich die Menschen in den Ländern mit relativ freien Marktbedingungen Gedanken machen, wie sie den Handel mit weniger frei verfassten Ländern so gestalten können, dass sich die Bedingungen für größere Freiheit tendenziell immer weiter ausbreiten und sich nicht zurückziehen.

An diese Feststellung möchte ich in meinem nächsten Beitrag anknüpfen.

Europäische/westliche Werte

Europäische/westliche Werte

Am 10. Oktober hat der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell eine Ansprache gehalten bei einem Treffen der Delegierten, die die EU in Ländern in der ganzen Welt repräsentieren. Ich halte diese Rede bedeutsam zugleich dafür, was Borrell sagte, wie dafür, was er verschwieg.

In meinem heutigen Beitrag verwende ich meine Übersetzung von Auszügen aus dem offiziellen englischen Text dieser Rede (die auch als Video verfügbar ist), um einige Überlegungen anzustellen über die Werte, die die Europäische Union dem Rest der Welt vermittelt. Diese Werte werden oft als „europäische Werte“ bezeichnet und sind mehr oder weniger gleichbedeutend mit „westlichen Werten“.

Nahe dem Anfang seiner Rede sagte Borrell:

Unser Wohlstand ist begründet worden auf billiger Energie aus Russland. Russisches Gas – billig und angeblich preiswert, sicher und verlässlich. Wie sich herausgestellt hat, ist dies nicht der Fall. Und Zugang zum großen Markt Chinas, für Exporte und Importe, für Technologietransfer, für Investitionen, für billige Waren. Ich glaube, dass die chinesischen Arbeiter mit ihren niedrigen Löhnen Besseres und mehr getan haben, die Inflation zu bekämpfen, als alle Zentralbanken zusammen.

Es wäre treffender, diese Aussage über China auszuweiten und zu sagen, dass der europäische (und nordamerikanische) Wohlstand zu einem sehr großen Teil auf schlecht bezahlter Arbeit in Asien, Afrika und Lateinamerika gründet, wodurch Europa in der Lage ist, Rohmaterialien sowie arbeitsintensive Industriegüter billig aus diesen Ländern zu beziehen. China sticht hervor weil selbst seine technisch anspruchsvollen Exporte weiterhin durch geringe Löhne einen Marktvorteil haben. Europäischer Wohlstand gründet sich auch außerdem auf Importen von fossilen Brennstoffen aus Russland wie auch autokratischen Regimen wie Saudi Arabien. In Hinsicht auf alle diese Länder richten sich „die Märkte“ (das heißt, die Marktteilnehmis1) nach den Preisen der Güter, nicht nach den Bedingungen, unter denen sie hergestellt wurden. Dadurch wird vielleicht die Inflation in Zaum gehalten, noch stärker aber die Löhne auch in den reichen Ländern.

Borrell besprach im Folgenden Europas Abhängigkeit von den USA in Bezug auf militärische Sicherheit. Vielleicht werde ich mich in einem zukünftigen Beitrag diesen Fragen zuwenden, aber hier überspringe ich diesen Teil um beim Thema der Beziehungen Europas und des Westens zum Rest der Welt zu bleiben. In diesem Zusammenhang sprach Borrell von der Kluft zwischen „Demokratien gegen Autokraten“, wobei er zugab, dass es „auf unserer Seite“ viele autokratische Regime gibt (dachte er dabei zum Beispiel an Orbans Regierung in Ungarn?). Selbstkritisch merkte er an:

Wir denken zu sehr intern und dann versuchen wir, unser Modell zu exportieren, aber wir denken nicht genug daran, wie andere diesen Modellexport sehen werden. Ja, wir haben den „Brüsseler Effekt“ und setzen weiterhin Standards, aber zunehmend meine ich, dass der Rest der Welt nicht mehr bereit ist, unserem Modellexport zu folgen. „Das ist ein Modell, das beste, also müsst ihr ihm folgen“. Aus kulturellen, historischen und wirtschaftlichen Gründen wird das nicht mehr akzeptiert.

Wir müssen besser zuhören. Wir müssen uns aufs „Zuhören“ einstellen gegenüber der anderen Seite – die andere Seite ist der Rest der Welt. Wir müssen empathischer sein. Wir tendieren zur Überbewertung von rationalen Argumenten. „Wir sind das Land der Vernunft“. Wir meinen, besser zu wissen, was im Interesse anderer ist. Wir unterschätzen die Rolle der Emotionen und der beständigen Attraktivität der Identitätspolitik.

Aber was genau ist das „europäische Modell“? Jahrhundertelang kolonisierten europäische Länder den Rest der Welt. Langsam, mit vielen Widerständen und Rückschlägen, führten sie im Inland repräsentative Demokratie ein. Das Wahlrecht wurde den Männern der Arbeiterklasse und Frauen erst dann gewährt, als starke politische Bewegungen kaum eine andere Wahl zuließen. Ähnliche Rechte wurden in den Kolonien aber nur sehr zögerlich zugelassen. Viele kolonisierte Länder mussten blutige Kriege kämpfen um ihre Unabhängigkeit zu erlangen. Heute bedeutet das Bestehen auf niedrigen Preisen in Märkten mit halsabschneiderischer Konkurrenz, dass „wettbewerbsfähig“ zu sein allzu oft erfordert, Löhne so weit zu drücken, dass die arbeitenden Menschen davon nicht menschenwürdig leben können. Solche Löhndrückerei erfordert drastische Einschränkungen der gewerkschaftlichen Organisation, der Meinungs- und Pressefreiheit und anderer verwandter Freiheiten. Politische Repression ist allzu oft die Vorbedingung, um erfolgreich in Märkte einzudringen, die nach wie vor von Europa und Nordamerika dominiert werden. Ist das die bedeutung des „europäische Modells“?

Gegen Ende seines Vortrags sagte Borrell:

Wir müssen die Verbindungen zwischen politischer Freiheit und einem besseren Leben erklären. Wir Europäer haben diese außergewöhnliche Chance. Wir leben in der Welt, in diesem Erdteil wo politische Freiheit, wirtschaftlicher Wohlstand und sozialer Zusammenhalt am besten sind, die beste Kombination von all dem. Aber der Rest der Welt ist nicht so. Unser Kampf ist, besser zu erklären, dass Demokratie, Freiheit, politische Freiheit nicht etwas ist, das man gegen wirtschaftlichen Wohlstand oder sozialen Zusammenhalt tauschen kann.

Borrells Vergleich Europas mit dem Rest der Welt ist fragwürdig. Wenige Tage später verstärkte er ihn in einer weiteren Rede, in der er Europa mit einem Garten, den Rest der Welt mit einem Dschungel verglich. Dies führte zu diplomatischen Protesten, zum Beispiel durch die Vereinigten Arabischen Emirate. Seitdem hat er eine Entschuldigung und Klarstellung angeboten (siehe die Links unten).

War aber Europa nicht ein mächtiger Treiber, den „Rest“ zu einem „Dschungel“ zu machen und ihn so zu halten? Was haben die Länder Europas – und des “Westens” insgesamt – die letzten Jahrzehnte gemacht? Sie haben effektiv an den Rest der Welt kommuniziert, dass politische Freiheit, Wohlstand und sozialer Zusammenhalt für den “Westen” schön zu haben sind, aber dass sie für den “Rest” nicht wirklich wichtig sind. Wichtig ist, dass der “Rest” dem “Westen” Güter zu den richtigen (niedrigen) Preisen liefert (koste es, was es wolle), und dabei Lippenbekenntnisse ablegt für Ideen wie Demokratie und Menschenrechte. Also müssen sich zum Beispiel chinesische Machthaber Predigten über die Uiguren, über Tibet oder über Ai Weiwei über sich ergehen lassen, aber nach oder vielleicht schon vor den Predigten werden Handelsabkommen auf der Grundlage der wirklich „wichtigen“ Angelegenheiten wie der Warenpreise unterschrieben.

Was die EU machen muss, um “europäische Werte” an den Rest der Welt zu vermitteln, ist klarzustellen, dass sie Demokratie und Menschenrechte im Rest der Welt (und nicht nur daheim) höher schätzt als die niedrigen Preise importierter Güter. Außerdem sollte sie aufhören, von “europäischen” oder “westlichen” Werten zu reden, und stattdessen schlicht von “freiheitlichen” Werten der “liberalen Demokratie” und der “Menschenrechte”. Aufhören mit der Anmaßung, diese Werte würden von allen Menschen Europas oder des Westens geteilt, sowie mit der implizierten Vorstellung, die Menschen im Rest der Welt müssten erst europäisch oder westlich werden, bevor sie diese Werte teilen können!

In meinem nächsten Beitrag habe ich vor, zu besprechen, wie die europäischen oder im weiteren Sinne “westlichen” Länder dies tun könnten.

 

1Zu der -i-Endung, siehe den Beitrag „Aus halbfremden Augen“

Berichte über Borrells Gleichnis von “Garten und Dschungel”

Tim Stickings, Oct. 16, 2022, EU’s Josep Borrell under fire for calling outside world a “jungle”, The National (United Arab Emirates).

Josep Borrell, Oct. 18, 2022, On metaphors and geopolitics, HR/VP Blog.

Jorge Liboreiro, Oct. 20, 2022, Josep Borrell apologizes for controversial ‘garden’ vs. ‘jungle’ metaphor but defends speech, Euronews, Lyon.

Wachstum

In unserer heutigen Gesellschaft scheiden sich die Geister am »Wachstum«. Die einen sind dafür, wollen möglichst immer mehr davon. Allenfalls sprechen sie von »nachhaltigem Wachstum«, weil ihnen doch irgendwie bewusst ist, dass nicht alles Wachstum gut ist und folglich gutes von weniger gutem Wachstum zu unterscheiden ist. Auf der Gegenseite werden »Postwachstum« oder »Degrowth« und »Decroissance« heraufbeschworen, wir sollen endlich vom Wachstumspfad weg.

Wie stehe ich zu dieser Debatte?

Ich sage es so: Die Debatte geht völlig an Wachstum vorbei. Wir müssen klären, worüber wir eigentlich reden.

Was ist denn Wachstum?

Wachstum im Wortsinne, wie das Wachstum eines biologischen Organismus oder eines Menschen, vollzieht sich in Zyklen, zu denen auch der Tod gehört. Kein Baum wächst in den Himmel. Er fällt irgendwann, wird vom Blitz geschlagen oder von Käfern oder von einem Feuer aufgefressen. Die Reste verfaulen und werden Teil des Bodens, der wieder neues Leben hervorbringt. Wir kommen von der Erde und verfallen zu Staub. Wachstum ist Teil dieses Zyklus, es quillt hervor, bis es vergeht und Platz macht für neues Leben. Wachstum ist etwas Gutes, ohne Wachstum gibt es kein Leben und keine Weiterentwicklung. Wachstum brauchen wir, und eine Postwachstumsgesellschaft ist gar nicht möglich.

Das sogenannte Wirtschaftswachstum, das mit dem Bruttosozialprodukt (BSP) und ähnlichen Maßen des Gesamtumsatzes gemessen wird, ist allerdings kein Wachstum. Denn alles soll immer weiter wachsen, nichts wird im Kontext von Lebenszyklen gesehen. Als im Jahr 2020 weltweit wegen Covid »nur« wenig mehr (!) Flugverkehr stattfand als im nicht sonderlich krisenreichen Jahr 2003, dann wurde das schon als Katastrophe für den Flugverkehr gesehen.1 Es hängen unzählige wirtschaftliche Interessen daran, dass alles immer mehr wird, weshalb Effizienzsteigerungen die Nachfrage nach Ressourcen niemals vermindern. Zum Beispiel werden effizientere Verbrennungsmotoren in größere Wagen gebaut, die dann noch mehr Benzin verbrauchen als ihre Vorgänger.

Für unkontrolliertes Wachstum gibt es einen deutschen Begriff: Wucherung. Dieser Begriff bezieht sich auf das Wort Wucher: der Zins, der eine Geldmenge immer weiter exponentiell wachsen lassen soll, ohne Rücksicht auf natürliche und damit begrenzte Wachstumsprozesse. Alles soll einfach immer mehr werden, ohne Sinn und Verstand.

»Wucherung« bezieht sich auch auf einen »überwucherten« Garten – in dem einfach alles wachsen darf, was sich ausbreitet. Auf dem Wege hin zu einem natürlichen Ökosystem kann das sinnvoll sein, nicht aber in einem Garten, der Menschen Nahrung, Entspannung oder Freude bringen soll. In letzterem muss bewertet werden, was wachsen soll und was nicht, und wo das Wachstum aufhören soll. Auch in Wirtschaft und Politik müssen wir bewerten, was sinnvollerweise zunehmen und was abnehmen oder vergehen soll. Solche Werturteile können wir nicht umgehen, sonst gilt nur das Recht des Stärkeren. Konventionelle Definitionen des »Wachstums« vermeiden notwendige Werturteile und sind deshalb verlogen.

Hinter Definitionen des Wirtschaftswachstums verbirgt sich noch etwas anderes, nämlich Maße des Umsatzes, das heißt, wie viel Geld ausgegeben wird. Anders gesagt: es sind Maße des Aufwands, der getrieben wird. Wie viele Menschen werden angestellt zu welchem Preis, wie viele natürliche Ressourcen werden mit welchem technologischen Aufwand aus der Erde gefördert und so weiter? Je mehr Aufwand, desto mehr »Wachstum«.

Als Beispiel: wer zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Arbeit kommt, dessen Ressourcenverbrauch ist begrenzt auf ganz geringen Verschleiß der Schuhe bzw. des Fahrrads, der fördert seine Gesundheit durch Bewegung des Körpers, der trägt zu keinem Straßenstau bei, der verursacht keine Luftverschmutzung, und der spart sich dabei sogar Geld (und damit Arbeitszeit) verglichen mit jemandem, der mit dem Auto fährt. Wenn der betreffende Ort halbwegs schön ist, ist der Weg zur Arbeit auch angenehm und ist Teil der Lebensqualität. Er kostet so gut wie nichts und führt zu geringen oder gar keinen Folgekosten. Folglich führt der Arbeitsweg zu keinem »Wirtschaftswachstum«. Er verbessert aber die Lebensqualität, nicht nur des einzelnen Menschen, sondern von vielen Menschen.

Mit ähnlichen weiteren Beispielen ließe sich ein Buch füllen.

Es ist zwar nützlich, Aufwand zu messen, aber immer mit Bezug auf das erzielte oder zu erwartende Ergebnis. Haben Sie viel oder wenig ausgegeben, als Sie kürzlich abends essen gegangen sind? Die Frage ist erst sinnvoll, wenn Du auch daran denkst, ob Dir das Essen geschmeckt hat und ob Dir der Abend insgesamt gefallen hat.

Eine andere Analogie: ein Maß des Aufwands ähnelt der Drehzahl eines Motors. Die soll immer in einem moderaten Bereich liegen, um zügig anzukommen, den Motor aber nicht zu ruinieren. Ob wir unser Ziel aber erreicht haben, oder ob wir uns dem Ziel überhaupt nähern, sagt uns die Drehzahl niemals. Das können wir nur feststellen, indem wir uns umschauen, wo wir sind, oder eine Landkarte oder einen Navi zu Rate ziehen.

Was wir brauchen, ist kein besseres Maß des Aufwands, den wir treiben, sondern bessere Landkarten und Navis, um unseren Weg zu finden. Diese Landkarten und Navis müssen uns in einem hochkomplexen und schwierigen Terrain weiterhelfen. Deshalb ist es mit einer einzigen Zahl analog dem BSP nicht getan.

Wir brauchen gute Maßstäbe, wie gut die Bedürfnisse der Menschen eines Landes befriedigt werden, die wir dann mit dem Aufwand an verwendeten Ressourcen in Beziehung setzen.

Wie gut die Bedürfnisse eines Menschen befriedigt werden – d.h., wie zufrieden er ist – kann ein Mensch letztlich nur über sich selbst aussagen. Folglich können wir uns bei der Messung der Zufriedenheit nicht auf Statistiken verlassen, wie viele Konsumgüter hergestellt werden, wie viele Menschen einen Schulabschluss machen und so weiter. Wir müssen die Menschen direkt befragen, wie zufrieden sie sind in verschiedenen Bereichen ihres Lebens. Zu diesem Zweck gibt es hochentwickelte, verlässliche und repräsentative Umfragemethoden. Die sind unvergleichlich viel ausgewogener als Quantifizierungen von Geldströmen, denn letztere sind Abstimmungen mit Geld, bei der reiche Leute sehr viel öfter abstimmen als arme.

Der Aufwand, der betrieben wird, um die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen, ist vor allem daran zu messen, welche natürlichen und menschlichen Ressourcen aufgewendet werden. Auch Ressourcenaufwand kann gemessen werden, anhand jedes Jahr verbrauchter Ressourcen wie auch der Menge und Qualität der verbleibenden Ressourcen. Besonders wichtig ist es, darauf zu achten, dass erneuerbare Ressourcen nur innerhalb ihrer Regenerationsfähigkeit verwendet werden, und dass nicht erneuerbare Ressourcen auch für nachkommende Generationen erhalten bleiben.

Wie halte ich es also mit Wachstum?

Wachstum soll und muss sein – aber wir müssen ernsthaft darüber reden, was eigentlich wachsen und was schrumpfen oder vergehen soll. Wir müssen miteinander darüber sprechen, wo wir hin wollen und wie wir dort hinkommen. Dafür brauchen wir gute Landkarten und Navis, aber die Drehzahl (den Aufwand) sollten wir bitteschön in einem mittleren Bereich halten und sie nicht mit Wachstum verwechseln!

In weiteren Beiträgen werde ich mich weiter damit beschäftigen, welches Wachstum wir brauchen und welches nicht.

 

 

1 Datenquelle: International Energy Agency, World air passenger traffic evolution, 1980-2020, last updated 4 Dec. 2020, https://www.iea.org/data-and-statistics/charts/world-air-passenger-traffic-evolution-1980-2020. Originaldatenquelle ist die International Civil Aviation Organization.

Frau oder Mann

Frau- oder Mann-»Sein«

In meinem vorigen Beitrag habe ich erwähnt, dass ich den größten Teil meines Lebens als Mann gelebt habe, nun aber weitgehend als Frau lebe. Ich firmiere mit einem weiblichen Namen, nämlich Wiltrude Höschele.

»Bin« ich nun Mann oder Frau?

Dies ist eine Frage, die sehr ernst genommen wird. Sobald wir einen Menschen auf der Straße sehen, kategorisieren wir ihn als männlich oder weiblich. Die meisten Menschen ertragen es nur schwer, mit einer zu Person sprechen, ohne zu wissen, welchem Geschlecht sie angehört. An sich könnte es Ihnen/Euch, meinen Lesis, ja egal sein, ob eine Frau oder ein Mann diese Zeilen geschrieben hat. Vielleicht macht uns Unwissen in diesem Bereich auch deswegen so zu schaffen, weil wir in den europäischen Sprachkulturen kaum über jemanden reden können, ohne mittels weiblicher oder männlicher Formen sein Geschlecht zu erwähnen! Allerdings mache ich es Euch/Ihnen gerne in diesem kulturellen Kontext leichter, über mich zu reden.

Problematisch an der Frage, ob ich Frau oder Mann sei, ist die Voraussetzung, ein Mensch »sei« entweder ausschließlich Mann oder Frau. Ich »bin« Mensch und kann gar nicht anders als Mensch sein und entsprechend zu denken und zu fühlen. Diese Identität ist klar. Bei allen anderen Identitäten innerhalb der Kategorie »Mensch« sind die Grenzen allerdings weniger eindeutig. Ich kann zum Beispiel nicht hundertprozentig sagen, ich sei »deutsch«, obwohl ich mit deutscher Staatsbürgerschaft geboren bin und sie niemals aufgegeben habe. Denn ich habe den größten Teil meines Lebens in anderen Ländern verbracht, bin durch meine Erfahrungen dort geprägt worden und bin deshalb in Deutschland in mancher Hinsicht fremd. Die Grenzen zwischen Ländern und Nationalitäten sind zwar real und werden rechtlich möglichst eindeutig gezogen, doch lassen sie sich überqueren und es gibt Überschneidungen und Zwischentöne.

Ich schlage vor, die Geschlechtsidentität ähnlich zu sehen wie die Zugehörigkeit zu einer Nation.

Geschlecht ist eine vielschichtige Angelegenheit. Es gibt die Schicht der biologischen Reproduktion, die bis auf die ersten sich sexuell reproduzierenden Organismen zurückgeht. Es gibt verschiedene körperliche Ebenen der weiblichen und männlichen Körper bei Säugetieren allgemein und bei Menschen im Besonderen. Es gibt Verhaltensweisen, die vorwiegend oder ausschließlich bei dem einen oder anderen menschlichen Geschlecht vorkommen. Es gibt verschiedene sexuelle Vorlieben und Verhaltensweisen. Es gibt Geschlechterrollen, die je nach menschlicher Gesellschaft vorgegeben oder auch flexibel gehandhabt werden und die sich ständig verändern. Es gibt Formen der Bekleidung, der Accessoires, des Schmucks, der Körperverzierung, die je nach Kultur geschlechtsspezifisch ausgestaltet sind. Es gibt sprachliche Formen, die Geschlecht anzeigen, in jeder Sprache etwas anders. Es gibt die gefühlte Geschlechtszugehörigkeit. Jede dieser Ebenen kann vertieft ausdifferenziert werden. Schließlich kann es Widersprüche geben zwischen verschiedenen Schichten oder Ebenen.

Diese Vielschichtigkeit wird umgangssprachlich anerkannt durch die Redeweise, »ein rechter Mann« tut dies oder unterlässt das andere. Was dies oder das andere sein soll, verändert sich dabei ständig. Einst leistete »ein rechter Mann« keine »Frauenarbeit« im Hause. Dieses Zeitalter ist hoffentlich vorbei. Doch darf heute ein »rechter Mann« mit Lippenstift oder Nagellack auftreten? Oder darf ein »rechter Mann« sich als homosexuell outen? Wer »Schwuchtel« als Schimpfwort verwendet, sieht einen Schwulen bestimmt nicht als »rechten« Mann. Wer von »rechten Männern« spricht, spricht damit aus, dass das Mann-Sein (und natürlich auch das Frau-Sein) nicht nur vom biologischen Geschlecht abhängt, sondern auch von zahlreichen, meist unklar definierten, Verhaltensweisen, Vorlieben, Denkmustern, Gefühlsregungen, Ausdrucksweisen usw. Die Ausdrucksweise »rechter Mann« ist deshalb logisch und philosophisch unvereinbar mit der Ansicht, das Mann- oder Frau-Sein hänge ausschließlich vom biologischen Geschlecht ab.

Die Rede vom »rechten Mann« impliziert natürlich eine Einstufung von »unrechten« Männern als minderwertig – minderwertig, weil sie sich auf die eine oder andere Weise wie eine Frau verhalten. Das bedeutet, dass auch Frauen als minderwertig eingestuft werden. Das verträgt sich nicht mit der Gleichberechtigung von Frauen. Als Analogie: ist eine Deutsche, die sich nach vielen Jahren in Frankreich in mancher Hinsicht so verhält, wie es in Frankreich üblich ist, keine »rechte Deutsche« mehr? Zu Zeiten nationalistischer Kriege zwischen Deutschland und Frankreich wurde so etwas sicher gesagt. Aber heute? Ich hoffe nicht. Denn wir betrachten die Menschen dieser beiden Länder als gleichwertig und den kulturellen Austausch zwischen ihnen als beiderseitige Bereicherung.

Wenn wir Frauen und Männer als gleichwertig ansehen, gibt es keinen Grund, einen Mann, der manche von Frauen gelernte Verhaltensweisen praktiziert, als minderwertig zu betrachten. Er ist ganz einfach ein Mann, der etwas von Frauen gelernt hat.

Die Vielschichtigkeit – und damit auch die Widersprüchlichkeit – des Geschlechts ist bei transidenten Personen besonders offensichtlich, tritt aber bei den meisten Menschen irgendwie auf. Jeder Mensch, der sich in überkommenen Geschlechterrollen nicht ganz wohl fühlt oder der sich manchmal wünscht, dem anderen Geschlecht zuzugehören oder etwas zu tun, das dem eigenen Geschlecht im eigenen Kulturraum normalerweise verwehrt wird, offenbart Widersprüche zwischen verschiedenen Ebenen der Geschlechtszugehörigkeit. Das ist genau so »natürlich« wie Jahrtausende alte Wünsche von Menschen, zu fliegen oder den Mond zu besuchen, mit Tieren zu sprechen, andere spirituelle Welten zu entdecken, fremde Weltgegenden zu erkunden, sich andere Sprachen anzueignen und so weiter. All diese und viele weitere Beispiele belegen, dass Menschen sich nicht immer in »natürliche« Ordnungen einfügen, sondern diese hinterfragen, herausfordern, überwinden, oder gar negieren. Grenzen zu überschreiten gehört zur Natur des Menschen.

Jemand, der Grenzen überschreitet, hat allerdings immer etwas von beiden Seiten in sich. Er ist weder der einen noch der anderen Seite vollständig zuzuordnen. Jedoch ist eine eindeutige Zuordnung für manche Zwecke wichtig. Eine Migrantin aus Syrien mit deutscher Staatsangehörigkeit ist im Sinne des Staatsangehörigkeitsrechts voll und ganz als Deutsche zu behandeln. Das hängt nicht davon ab, wie sehr sie sich weiterhin noch als Syrerin fühlt, welche Erinnerungen sie hat, welche Sprachkenntnisse sie hat und so weiter. All diese Zwischentöne sind wichtig, wenn es darum geht, sie als Mensch kennenzulernen. Doch es muss ganz klar sein, dass sie als Deutsche alle Rechte einer deutschen Staatsbürgerin in Anspruch nehmen darf.

Als Grenzgängi »bin« ich auf bestimmten Ebenen eine Frau, auf anderen »bin« ich ein Mann oder vielleicht etwas zwischen Mann und Frau, oder weder das eine noch das andere sondern ganz einfach Mensch. In den letzten Jahren habe ich aber entdeckt, dass ich nur wirklich glücklich sein kann, wenn ich mir zugestehe, dass ich mich mehr mit Frauen als mit Männern identifiziere. Deshalb möchte ich am liebsten mit Frauennamen angesprochen und mit weiblichen grammatischen Formen bezeichnet werden. Deshalb bitte ich auch Sie/Euch, meine Lesis, mich als Frau zu bezeichnen. Das kostet Euch/Sie höchstens ein bisschen Überwindung und macht mir eine Freude. Das bedeutet aber nicht, dass ich durch und durch eine Frau »bin« (genauso wenig wie die Bezeichnung »Herr« das Gegenteil bedeuten würde), sondern nur, dass das Frau-Sein in meinen gesellschaftlichen Interaktionen und in meiner schriftstellerischen Tätigkeit im Vordergrund steht.

Vielleicht hilft es Euch/Ihnen, die weibliche oder männliche Anredeform mit einem Doktortitel zu vergleichen. Wer einen Doktortitel erworben hat, darf diesen tragen als Anerkennung der dafür geleisteten Arbeit. Transidente Personen haben meist sehr viel an Lebenskraft und -willen in ihre gesellschaftliche Wandlung eingesetzt. Über eine Würdigung dieses Einsatzes durch die Wahl der Anredeformen jenes Geschlechts, dem ich mich zugehörig fühle, freue ich mich!

Halbfremd

Aus halbfremden Augen

Heute beginne ich ernsthaft mit einem neuen Blog. Es geht mir hier um eine Sicht aus halbfremden Augen, auf gesellschaftliche Themen in der heutigen Zeit des Umbruchs – in der sich herausstellen wird, ob wir kollektiv den längst fälligen Übergang schaffen von dem jetzigen hektischen Zeitalter der dauernden Beschleunigung zu einem ruhigeren, gelasseneren Zeitalter, dass die Lebenskunst pflegt.

Warum halbfremd?

Geboren wurde ich von deutschen Eltern in Deutschland. Ich besitze seit meiner Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft. Doch wirklich deutsch bin ich nicht, denn ich wuchs in Thailand, Korea und Griechenland auf und lebte den größten Teil meines Lebens in den USA. In den USA fühlte ich mich mit der Zeit immer fremder, war dort – halbfremd. Seit meinem Umzug nach Deutschland bin ich auch hier – halbfremd.

Geboren wurde ich als Junge, ich lebte den größten Teil meines Lebens als Mann, doch fühlte ich mich nie als »rechter Mann« und konnte erst glücklich werden, als ich aufhörte, mich als »Mann« zu identifizieren. Nun lebe ich so weit ich kann als Frau, doch bin ich dennoch weitgehend Mann und bin deshalb, ob als Mann oder Frau – halbfremd.

Ich habe verschiedene Fächer studiert, machte in den USA eine akademische Karriere, doch mit dem akademischen Betrieb habe ich heute wenig mehr zu tun. An Universitäten bin ich also – halbfremd.

Ich setze mich seit über 30 Jahren mit der Suche nach Wegen aus der existenziellen Krise unserer Zivilisation auseinander, stelle die Frage, wie wir eine zukünftige, überlebensfähige Gesellschaft gestalten können. Ich lebe allerdings seit meiner Geburt in der Gesellschaft, die ich kritisiere. Deshalb fühle ich mich in ihr – halbfremd.

Nun habe ich vor, aus dieser halbfremden Perspektive einen Blog zu schreiben. Ich hoffe damit, aufschlussreiche Einsichten anzubieten in einer Welt am Rande des Chaos. Vielleicht können auch Menschen aus meinen Beiträgen neue Erkenntnisse ziehen, die sich nicht fremd fühlen, oder im Gegenteil völlig fremd, oder die auf ihre ganz eigene Weise halbfremd sind.

 

Da ich in Deutschland Anfang des 21. Jahrhunderts über gesellschaftliche Themen schreibe, muss ich schon fast im ersten Satz meines ersten Beitrags eine Entscheidung treffen, die ich jetzt schon einige Absätze lang vor mir her geschoben habe: nämlich, wie ich gendern will. Es tobt ein Kulturkampf zwischen jenen, die auf korrektes Gendern bestehen mit Binnen-I oder Gendersternchen, oder mit Ansprachen an »Bürgerinnen und Bürger«, und jenen, die mit Entsetzen und Empörung aufschreien, die deutsche Sprache werde verhunzt, das generische Maskulinum beziehe sich doch auf alle Menschen, und Frauen werden durch Wörter wie »Bürger« doch auch angesprochen. Zwei Beiträge mit konträren Ansichten zu diesem Thema erschienen kürzlich im Freitag, siehe die Links unten.

Ich finde es etwas kurios, dass ein Abstraktum – die deutsche Sprache – gegen konkrete Menschen ausgespielt wird, nämlich gegen Frauen, die sich durch bestimmte sprachlichen Formen angesprochen fühlen oder eben auch nicht. Frauen kann man oder mensch oder frau nicht verordnen, sich durch männliche Formen inkludiert zu fühlen. Wenn viele Frauen sich durch männliche grammatische Formen nicht angesprochen fühlen, und viele Menschen (Frauen und Männer) gar nicht an Frauen denken, wenn sie diese Formen verwenden, dann sollten wir aufhören, mit männlichen Formen Frauen »mit zu denken«. Frauen gehören nicht »mit« gedacht, sondern ganz einfach gedacht. Alles andere bedeutet, dass Frauen nicht ernst genommen werden und ihre Bedürfnisse hintangestellt werden.

Die Sprache, die nicht verhunzt werden soll, ist allerdings nicht bloßes Abstraktum. Gelebte Sprache besteht aus unzähligen Sprech- und Schreibakten, die leicht oder schwerfällig über die Lippen kommen, die sich pedantisch oder nachlässig oder schludrig oder passend oder platt oder gebildet oder weltgewandt anhören, die umständlich oder einfach sind. Jede sprechende Person stellt Ansprüche an die eigene Sprache und an die Sprache derer, mit denen sie kommuniziert. Neue Wörter und Ausdrucksweisen können sich deshalb in einer Sprache nur durchsetzen, wenn Menschen sie bereitwillig in ihren eigenen Sprachgebrauch aufnehmen.

Gängige Formen des inklusiven Genderns haben leider ganz erhebliche Nachteile, weshalb viele Leute sie ablehnen. »Bürgerinnen und Bürger« wirkt behäbig und umständlich und verlängert Sätze, verschlimmert somit Untugenden, die besonders in der deutschen Amtssprache schon weit verbreitet sind. Das Binnen-I sowie das Gendersternchen müssen im Sprechen durch einen kurzen Stopp dargestellt werden, der sich wie ein Schluckauf anhört und den Redefluss stocken lässt. Auch beim Tippen und Lesen erscheinen diese Formen des Genderns wie ein Hindernis. Das ist weder elegant noch einfach.

Alle diese Formen des Genderns packen mehr Informationen in die Wörter. Das Sternchen soll bedeuten, dass nicht nur alle Frauen und Männer, sondern auch alle, die sich weder der einen noch der anderen Kategorie zugehörig fühlen, gemeint werden. Doch was, wenn manche Menschen sich auch durch das Sternchen nicht inkludiert fühlen? Müssen wir dann noch ein weiteres Symbol hinzufügen?

Viel einfacher ist es doch, wegzulassen. Dafür gibt es in der gegenwärtigen deutschen Sprache sogar zwei hervorragende Beispiele: Azubi und Studi. Studis sind Menschen im Studium, Azubis sind Auszubildende, egal welchen Geschlechts. Mit der Endung »-i« lassen wir einfach die leidigen Endungen weg, die zwingend die Geschlechter der Menschen anzeigen – wir müssen ja auch nicht ihre Nationalitäten, ihre Hautfarben, ihre politischen oder modischen Präferenzen erwähnen, sobald wir von ihnen sprechen. Die Begriffe »Azubi« und »Studi« haben sich in der deutschen Sprache gut etabliert, ohne große Kontroversen auszulösen. Sicher einfach deswegen, weil sie die Sprache vereinfachen.

Diese Wortschöpfungen Studi und Azubi mache ich mir nun zum Modell. »Bürgerinnen und Bürger« bezeichne ich als Bürgis. »ÄrztInnen« sind Ärztis. Mitarbeiter*innen sind Mitarbeitis. Diese Ausdrücke unterscheiden sich von »Bürger«, »Ärzte« und »Mitarbeiter« hinreichend, um zu signalisieren, dass nicht nur von Männern gesprochen wird. Sie sind aber auch nicht länger als die männlichen Formen. Sie machen die Sprache nicht umständlicher. Durch die Orientierung am Modell »Studi« dürften sie auch verständlich sein.

Es bleibt noch die Frage des Generikums im Singular. Soll es der oder die oder das Bürgi sein? Ich schlage vor, die Endung -i grammatisch neutral sein zu lassen, ähnlich wie das -lein und das -chen, Das bedeutet nichts über das biologische oder das gefühlte oder das rechtlich anerkannte Geschlecht der Person, über die ich rede, genau so wenig wie ein Kind, ein Mädchen, ein Büble oder ein Fräulein geschlechtslos, oder eine Prostata ein weiblicher, ein Busen ein männlicher Körperteil, oder eine »Person« unbedingt weiblich oder ein »Mensch« unbedingt männlich sind. Jedoch kann das grammatische Neutrum betonen, dass die geschlechtliche Identität einer Person unerwähnt geblieben ist.

Damit habe ich nun die Grundlage gelegt für mein weiteres Schreiben.

 

Karsten Krampitz, 2022, Die Linke hat ein ernstes Problem mit der Sprache, Freitag 37/2022.

Jens Kastner, 2022, Für einige Linke kaum zu glauben, aber Gendern führt nicht in den Faschismus!, Freitag, 26.9.2022.

 

P.S. 11.1.23: Ich bin inzwischen darauf hingewiesen worden, dass ein ähnlicher Vorschlag schon längst gemacht worden ist, und zwar von Hermes Phettberg, 1992, mit Endung auf -y statt -i. Davon wusste ich nichts, als ich den obigen Beitrag schrieb, fühle mich jetzt aber gestärkt darin, dass auch andere auf ähnliche Gedanken gekommen sind. Zu Phettberg siehe:

Thomas Kronschläger, 2022, Entgendern nach Phettberg, Aus Politik und Zeitgeschichte, bpb.

 

Interview August 2021 Teil I: Gender-Fragen

In den letzten zwei Jahren habe ich eine Transformation durchgemacht, aufgrund derer ich mich jetzt als Frau erlebe und definiere. Über diesen Transformationsprozess haben mich im August 2021 zwei Frauen interviewt, die ich sehr schätze. Den ersten Teil dieses Interviews gebe ich hier wieder. Die Fragen in diesem Teil wurden gestellt von Jane Goldbach und behandeln Gender-Fragen. Jane Goldbach macht derzeit ihren Master in Transformationsstudien in Flensburg, und hat während ihres Ethnologie-Bachelors in Heidelberg haupt- und ehrenamtlich im TransitionHaus, einem Projekt des Transition Town Heidelberg e.V., gearbeitet. In diesem Zusammenhang haben wir uns kennengelernt.

 

Jane: Wiltrude, als ich dich kennengelernt habe, nanntest du dich Wolfgang, und heute nennst du dich Wiltrude. Erzähl doch mal, wie dein Weg von Wolfgang zu Wiltrude war, was dich dabei bewegt hat, was dich begleitet hat, was deine Anstöße waren?

W: Ja, ich hole da ein bisschen aus, manches geht in meine Kindheit zurück. Als Kind trug ich lange Haare und es störte mich nicht, wenn Leute dachten, dass ich wie ein Mädchen ausschaue. Ich spielte ziemlich viel mit Mädchen. Aber ich wäre damals nie auf die Idee gekommen, mich als Mädchen zu bezeichnen. Das waren ganz andere Zeiten damals.

Selbstdarstellung im Schul-Jahrbuch als 17-Jähriger

Beim Studium habe ich mich ziemlich viel mit Fragen des Feminismus auseinandergesetzt, habe Bekanntschaften gemacht, habe gemerkt, dass ich Frauen oft sehr viel besser verstehe als viele Männer. Zwei Studentinnen, die ich besser kennengelernt habe, erschienen mir unheimlich intelligent, wenn ich einzeln mit ihnen gesprochen habe, aber mit ihrem Freund waren die dann plötzlich dumm! Die haben sich dümmer gestellt als der Freund, damit der sich gut fühlt! So habe ich meine Erfahrungen gemacht über Gender-Angelegenheiten, und habe mich sehr viel mehr identifizieren können mit Frauen, die über feministische Themen schreiben, als mit dem gängigen Männerbild.

Alle Methoden, durch die Männer zeigen, dass sie Männer sind, erschienen mir zu zeigen, dass sie ziemlich idiotisch sind. Mit dem Männlichkeitsbild konnte ich relativ wenig anfangen. Mich interessierten auch technische Sachen eher wenig, dafür eher komplexe Beziehungen, ob das nun ökologische Beziehungen waren oder auch zwischenmenschliche Beziehungen. Das sind Interessen, die meist eher als weiblich identifiziert werden als als männlich.

Selbstdarstellung mit etwa 27 Jahren, wie ich mich als Frau vorstellte

Lange lebte ich in den USA, traf meine Lebensgefährtin Ishita, danach zogen wir nach Deutschland. Dort war ich bei Transition Town Heidelberg engagiert und habe beim Kleidertausch mitgemacht, bei der Orga und auch beim Aufräumen nach dem Kleidertausch. Bei jedem Kleidertausch sind immer mehr Kleider da als vorher. Und es sind vor allem Frauen, die da mitmachen, denn Männer interessieren sich für so etwas normalerweise nicht. Da war ich dann allein im Haus mit einer großen Menge Frauenkleider, und habe mir mal ein paar Teile anprobiert. Das war wirklich berauschend für mich, das fand ich ganz toll, diese Kleider anzuziehen! Männerkleidung fand ich einfach total langweilig, ich finde sie immer noch langweilig. Hose und Hemd, wenige Schnitte, wenige Farben. Aber wenn ich mir einen Rock oder ein Kleid anprobierte und mir das passte, dann wollte ich diese Kleider überhaupt nicht mehr ausziehen!

Das führte dazu, dass ich bald in immer mehr Kontexten angefangen habe, Frauenkleider zu tragen. Das war einfach die Art von Kleidung, die für mich richtig war! Das hat einen Prozess angestoßen, ab Anfang 2019, also inzwischen zweieinhalb Jahre. Bald habe ich fast ausschließlich Frauenkleidung getragen, also schon oft Männerhemden, aber immer zumindest einen Rock, und fühlte mich dabei unheimlich wohl.

 

Ich habe mir dann einen Frauennamen überlegt, Wiltrude. Wiltrude ist eine Kombination aus meinen Mittelnamen Rudolf und Willi. Das heißt „die Willensstarke“, also ganz schöner Name! Anfangs habe ich den nur etwas verhalten genutzt, Jane, du warst auch dabei, als wir diese Zeremonie hatten, der Namensgebung! Da hast du mich toll unterstützt, zusammen mit den anderen Frauen, die dabei waren. Später habe ich mich WoWi genannt, als Kombination von Wolfgang und Wiltrude. Vor ein paar Monaten war es dann so weit, dass ich zur Realisierung kam, eigentlich ist es doch besser, wenn Leute mich Wiltrude nennen, dann fühle ich mich wirklich gut!

Seitdem ich die Menschen in meinem Umfeld gebeten habe, mich Wiltrude zu nennen, und die das auch alle machen, sind die Depressionen, an denen ich bis dahin oft gelitten hatte, total weg! Meine Stimmung allgemein ist einfach viel besser! Deshalb gibt es da kein Zurück mehr! Deshalb bin ich jetzt Wiltrude!

J: Das ist eine richtig tolle Erfahrung, wie du das beschreibst, dass du dich von deiner Depression heilen konntest, indem du in dir etwas verändert hast. Das ist eine total berührende Geschichte!

Ich kenne es aus vielen Kontexten mittlerweile, dass man sich fragt, wie man sich bezeichnet, und welches das eigene Pronomen ist. Ist dein Pronomen „sie“, und bezeichnest du dich als nicht-binäre Person, oder was sind für dich die Begrifflichkeiten, die gut darstellen, wie du dich selber benennen möchtest?

W: Ich ziehe es schon vor, wenn ihr über mich in der weiblichen Form redet, aber das müssen nicht unbedingt alle machen. Zum Beispiel, an der Arbeitsstelle, wo ich arbeite, werde ich weiterhin als Mann bezeichnet. Da wissen alle, dass ich in Frauenkleidern herumgehe, das ist bekannt, aber ich bin da Herr Höschele bzw. Wolfgang. Das ist auch ganz in Ordnung so. Leuten, die mir nicht besonders nahe stehen, brauche ich nicht zu erklären, ich bin eigentlich Frau. Es ist einfacher denen zu sagen, ich bin ein Mann, der gerne Frauenkleider trägt. Das akzeptieren eigentlich alle.

In dem Sinne ist „nicht-binär“ ganz treffend für mich. Ich könnte das so sagen, dass ich im Inneren, oder psychisch, seelisch eine Frau bin, aber körperlich ein Mann. Das ist einfach so. Und das darf auch so bleiben. Ich muss meinen Körper nicht ändern deswegen. Ich versuche nicht, total Frau zu werden.

J: Genau, du fühlst beides in dir, oder siehst beides in dir, und möchtest beides leben.

W: Ja.

J: Wie ist es denn, wenn du dich sonst in der Öffentlichkeit bewegst, wenn du in der Straßenbahn sitzt oder spazieren gehst, erlebst du da besondere Situationen oder vielleicht auch Gespräche, die sich daraus ergeben?

W: Eigentlich selten. Manche Leute gucken mich ein bisschen länger an, vielleicht auch nur, um festzustellen, ist das ein Mann oder ist das eine Frau? Ich kann natürlich deren Gedanken nicht lesen, ich weiß nicht, was sie denken. Aber insgesamt errege ich sehr wenig Aufsehen, muss ich sagen, und da bin ich sehr zufrieden damit.

Manchmal, gerade zur Anfangszeit, als ich noch einen Schnurrbart trug, da gab es schon öfter mal Kommentare, eigentlich öfter positiv. Eine Frau, die mir beim Fußgängerüberweg zugerufen hat, sie findet es ganz toll, dass ein Mann den Mut hat, einen Rock zu tragen! Oder eine Mutter, die mit ihrem drei-oder vierjährigen Sohn hinter mir her gerannt ist. Der Sohn hat sich gar nicht getraut, mir etwas zu sagen, aber die Mutter hat für ihn gesprochen. Sie sagte, er findet es ganz toll, dass ich in der Öffentlichkeit Rock trage, denn er trägt zuhause auch Rock, aber er traut sich nicht, das in der Öffentlichkeit zu machen! Solche Reaktionen habe ich erfahren. Das war sehr erfreulich!

Ganz gelegentlich gibt es auch eine irgendwie negative Reaktion, aber in zwei Jahren hat es das vielleicht dreimal gegeben.

J: Das ist ja eine richtig schöne Geschichte, wenn du als positives Vorbild auftreten kannst und das auf der Straße zurückgemeldet wird!

Als du von deinen feministischen Zeiten oder deinen Studien erzählt hast, hast du davon gesprochen, dass es an positiven Männerbildern gefehlt hat, und dir die Frauenbilder sehr viel positiver erschienen sind. Hast du jetzt für dich neue Idole oder neue Vorbilder gefunden, weil du dich besser mit ihnen identifizieren kannst, weil du dich selber als Frau siehst und benennst?

W: Ich kann jetzt nicht unbedingt auf einzelne Personen schauen. Die Leute, die ich gelesen habe, die ich gut finde, finde ich weiterhin gut, die ganze Literatur, die ich mir angelesen habe, egal ob die nun von Frauen oder von Männern ist.

Aber es ist unbeschwerter, mich nach weiblichen Vorbildern zu richten oder nach Vorbildern, was als angebrachtes Verhalten oder als angebrachte Interessen für Frauen dargestellt wird. Ich brauche mir überhaupt keine Gedanken mehr zu machen, wird das als richtig angesehen, wenn ich das als Mann mache, weil ich ja kein Mann bin!

Allgemein denke ich, dass Männer unterfordert werden, was Beziehungsarbeit betrifft. Männer sollen sich mit Technik auseinandersetzen und mit Kontrolle und mit Anschaffen von Geld, aber mit wirklich komplexen Beziehungsgeschichten, damit brauchen sich Männer nicht zu befassen. Das wird ihnen von Frauen oft vorgeworfen, dass sie das nicht tun, aber sie werden von Kindheit aus auch nicht darauf vorbereitet, sich wirklich mit komplexen Beziehungsfragen auseinanderzusetzen.

Das sind, finde ich aber die gesellschaftlich spannenden Fragen. Wir haben mehr als genug Technik aber viel zu wenig Beschäftigung damit, wie wir besser miteinander leben können. Wie können wir uns besser gegenseitig unterstützen, damit wir alle gut leben können? Wie können wir anderen Lebewesen, anderen Arten genug Raum geben, damit sie auch leben können? All das ist komplexe Beziehungsarbeit, ob in Ökosystemen oder in menschlichen Beziehungen. Daran müssen wir alle unheimlich arbeiten. Das sind Fähigkeiten, die bisher Frauen mehr als Männern anerzogen worden sind.

J: Das finde ich superinteressant. Du hast selbst von deiner Frauwerdung als Befreiung gesprochen, ist das was du meinst, dass du dich jetzt freier fühlst, dich mit den Themen auseinanderzusetzen, die dich interessieren und die dich bewegen?

W: Ja. Ich finde dieses Männerbild einengend. Es ist sehr einfach, man kann sich eine einfache Welt erschaffen, wo man sagen wir mal einen technisch orientierten Job macht und das Geld anschafft. Wenn man mehr Geld anschafft, dann ist man erfolgreich. Gerade die technisch orientierten Arbeiten werden zumeist besser bezahlt als die, in denen es mehr um menschliche Beziehungen geht. Aber wenn das alles nicht genug ist für jemanden, dann ist dieses etablierte Bild der Männlichkeit einengend. Es ist ein Hemmschuh. Ich habe mir eigentlich immer gesagt, ich will der beste Mensch sein, der ich sein kann, und da ist Männlichkeit oder Weiblichkeit eigentlich total egal. Aber dieses Männerbild ist doch irgendwie hemmend. Deshalb ist es für mich eine Befreiung, wenn ich einfach sage, ich bin Frau, diese ganze Männlichkeit braucht mich nicht zu scheren!

J: Jetzt haben wir viel gehört, was dich ganz persönlich auf deinem Weg bewegt hat. Begreifst du das als Privatangelegenheit, als deinen ganz persönlichen Weg, Frauwerdung als Befreiung, oder möchtest du mit deinem Kleidungsstil, der ja immer auch eine Message nach außen ist, ganz bewusst nach außen kommunizieren und der Welt etwas sagen?

W: Ja, mit der Wahl der eigenen Kleidung kommuniziert jeder Mensch etwas an die anderen Menschen in der Umgebung, das geht gar nicht anders. Ich weiß natürlich nicht, was genau andere Leute lesen, aber sie können auf jeden Fall lesen, dass ich kein normaler Mann bin, sagen wir mal! Dass ich mich vielleicht mehr mit Frausein identifiziere, dass ich auf keinen Fall Angst habe, mich auf eine Weise darzustellen, die als weiblich gesehen wird. Dass ich das Weibliche auf keinen Fall als schlechter empfinde als das Männliche. Ich kommuniziere zwangsläufig sehr viel, und das will ich auch. Ich will schon anders aussehen, als ein konventioneller Mann!

J: Nun möchte ich gerne noch auf deine gesellschaftliche Vision zu sprechen kommen. Ich habe dich in deiner Arbeit zu systemischem Wandel und systemischer Beratung, und in deinem Vorschlag einer Ökonomie der Lebensfülle, als einen sehr systemisch denkenden und lösungsorientierten Menschen erlebt. Wie würdest du die Diskurse um Gender und Transgeschlechtlichkeit und Nicht-Binarität aus einer systemischen Perspektive beschreiben? Was bewegt dich daran und was würdest du dir wünschen für die zukünftige Gesellschaft?

W: Gender wird oft als „performance“ beschrieben, als eine Darstellung, dass man sich als Frau, oder als Mann oder sonst etwas darstellt, und dass man das auch lernen muss. Das heißt, Kinder müssen lernen, wie sie sich als Jungen oder Mädchen oder sonst etwas darstellen. Wie sie das letztendlich machen, da findet jeder seine eigene Lösung, in Wechselwirkung mit anderen Menschen. Das ist eine systemische Interaktion mit vielen verschiedenen Menschen. Was sich daraus ergibt, kann nie genau vorhergesagt werden, und daraus ergibt sich gesellschaftlicher Wandel. Es hat schon recht viel Veränderung gegeben innerhalb der letzten Jahrzehnte, aber da ist auch viel, das sich weiterhin wandeln muss, damit wir die gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit meistern können. Was ich speziell mache, soll kein Vorbild sein für andere, sondern einfach meine spezielle Lösung, meine spezielle Gender-Bricolage. Da muss jeder Mensch seine eigene Lösung finden. Ich denke, es ist auf jeden Fall wichtig, offen zu sein gegenüber verschiedenen Lösungen, und dass es nicht eine Lösung gibt, sondern viele. Es ist wichtig, dass man experimentieren kann, damit wir in Freiheit gute Lösungen finden, die zur Lebensfülle von allen Menschen beitragen.

J: Vielen Dank für diese spannende Perspektive, und auch für die so wertvolle Vision, die du vertrittst! Ich finde das ganz berührend und ganz bewegend. Dann bedanke ich mich sehr sehr herzlich für dieses wunderbare Interview! Vielen Dank Wiltrude!

W: Vielen Dank dir!

Interview August 2021 Teil II: Kleidung und Kreativität

In den letzten zwei Jahren habe ich eine Transformation durchgemacht, aufgrund derer ich mich jetzt als Frau erlebe und definiere. Über diesen Transformationsprozess haben mich im August 2021 zwei Frauen interviewt, die ich sehr schätze. Den zweiten Teil dieses Interviews gebe ich hier wieder. Die Fragen in diesem Teil wurden gestellt von Franziska Fendesack und betreffen Kleider und Kreativität. Franziska Fendesack hat – mit einer kurzen Ausnahme – ihr Berufsleben in der Bekleidungstechnik verbracht. Sie ist Schneidermeisterin, hat Textil-Management studiert und mehrere Jahre in Hong Kong gearbeitet. Neben ihrer derzeitigen hauptberuflichen Tätigkeit als Teamleiterin der Technischen Produktentwicklung einer Modemarke ist sie als Fachberaterin für Gründerinnen in der Textil-Branche tätig.

Franziska: Super interessant was wir bisher gehört haben von dir, Wiltrude, und deiner Veränderung, Verwandlung, Du-Selbst-Werdung, Du-Werdung, die beste Version deiner Selbst wie du sagtest. Ich weiß noch, wie wir uns damals im TransitionHaus das erste Mal gesehen haben. Die Eingangstür des TransitionHaus geht auf, und du stehst da, ich weiß noch, du hattest einen blauen Rock an mit einem indischen Muster drauf. Und standest da in deiner kompletten Selbstverständlichkeit, und warst ein offensichtlicher Mann, der einen Rock anhatte! Ich dachte nur, jetzt wird’s interessant! Und denke es bis heute!

Ich würde dir jetzt gerne ein paar Fragen stellen und zwar explizit zu deinem Kleidungsstil. Und zwar hast du in den letzten Jahren einen Wandel in deiner Identität erlebt, den du in deinem Kleidungsstil zum Ausdruck bringst. Wie hast du die verschiedenen Phasen erlebt deiner textilen Frauwerdung, was hat dir das jeweils bedeutet, was hat dir das ermöglicht, und kannst du dich an besondere Kleidungsstücke erinnern, die diesen Wandel begleitet und sichtbar gemacht haben?

Wiltrude: Ja, wie ich erwähnt hatte, fing das an mit den Kleidertausch, aus dem ich verschiedene Kleidungsstücke erworben habe. Da ist zum Beispiel ein auberginefarbener Rock, den ich weiterhin gerne trage und der mir genau passt, das war eine glückliche Fügung! In dem kann ich radfahren, mit dem bin ich 2019 auf einen Dyke March gegangen, da gab’s einen Gewitterregen und wir wurden alle klatschnass! Der Beginn war mit solchen Sachen, die ich gefunden habe im Kleidertausch, und die mir mehr oder weniger passten.

Dann habe ich angefangen, manche Sachen zu verändern, zum Beispiel ein paar Sachen aus dem Kleidertausch, die mir nicht so ganz gepasst haben. Da habe ich etwas anderes daraus fabriziert. Das waren nicht die ersten Sachen, die ich je genäht habe. Genäht habe ich sowieso schon lange, ich habe gelegentlich Kleidungsstücke ausgebessert, und habe sogar mal zu Mardi Gras in New Orleans aus indischem Stoff ein Kostüm genäht und zu dieser besonderen Gelegenheit getragen. Aber dann hatte ich nie wieder die Gelegenheit, das zu tragen.

Hosen oder Hemden hatte ich aber nie Lust, zu nähen. Weil ich jetzt die Röcke oder Kleider, die ich genäht habe, gleich und öfters anziehen konnte, hatte ich sehr viel mehr Motivation. Dann wollte ich auch mehr Kleidungsstücke, zum Beispiel mehr Röcke haben. Auch kann ich es mir zurzeit nicht leisten, einfach shoppen zu gehen. Ein Stück Stoff zu kaufen und daraus einen Rock zu machen ist sehr viel billiger! Und dann kann ich genau das machen, was ich haben will. Bestimmte Geschäfte, zum Beispiel Delta Fabrics in Mannheim, beziehen ihre Stoffe von ökologisch wirtschaftenden Betrieben, zum größten Teil jedenfalls. Dort brauche ich mir nicht ganz so viele Gedanken zu machen, wie ist das hergestellt worden, was ist der ökologische Fußabdruck? Ich kann mir einen Stoff aussuchen, der mir gefällt und dann einen Rock herstellen oder ein Kleid, das mir genau passt. Das hat eine ganz andere Energie, wenn ich es trage. Und das Nähen macht mir wirklich Spaß, sonst würde ich es auch nicht machen! Alles zusammen führt dazu, das ich meine eigenen Kleidungsstücke mache.

Mit jedem Kleidungsstück, das ich mache, lerne ich etwas dazu, andere Techniken, oder wie geht man mit dieser Art Stoff um, und so entwickelt sich das allmählich weiter.

F: Ich glaube auch, dass es definitiv einen Unterschied macht, ob man sich irgendwo im Laden irgend etwas Fertiges kauft, oder ob man sich sozusagen die eigene Vision mit eigenen Händen selbstwirksam mit eigenen Händen erschaffen kann. Ich bin mir ganz sicher, dass das ein großer Unterschied ist. Jedes Mal, wenn ich dich in einem Stück sehe, da denke ich, du bist so stolz auf das, was du da für dich geschaffen hast, für dich selber, fantastisch! Bestimmt ist das auch ein Teil dessen, dass du über die Depressionen hinweggekommen bist, dass du für dich selber einstehst, dich um dich selber kümmerst!

Ich würde aber trotzdem kurz weiterleiten zur nächsten Frage, zu einem deiner großen Themen, die soziale, ökologische wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Du hast es ja gerade schon angesprochen. Wenn du deine Stücke selber nähst, wenn du Materialien beziehst, bei denen du nachvollziehen kannst, wo sie herkommen, dann musst du dir nicht groß Gedanken und Sorgen machen, wie ist dieses Stück hergestellt? Das Thema Nachhaltigkeit ist für dich dann ja omnipräsent. Inwiefern spielt die Auseinandersetzung mit der Kleidung, die du trägst, für dich im Bereich Nachhaltigkeit, Soziologie und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit eine Rolle?

W. Ja, ich mache mir Gedanken darüber, wie Kleidung produziert wird, wie sie konsumiert wird. Das hängt sehr eng miteinander zusammen. Gedankenloser Konsum befördert Produktionsweisen, die schädlich sind für die Umwelt und für die Näharbeiterinnen in Bangladesch oder anderswo, und alles, das damit zusammenhängt.

Es gibt ja jetzt auch immer mehr Unternehmen im Textil- und Kleidungsbereich, die versuchen, die Lieferketten von Anfang bis Ende ökologisch und sozial auszurichten. Es gibt zum Beispiel ein Unternehmen, Marketplace India. Das wurde von zwei Inderinnen gestartet, die in USA leben, und in Zusammenarbeit mit Näherinnen in Mumbai und Umgebung Kleidung für den amerikanischen Markt designen. Die Kleidung wird dann von Kooperativen der Näherinnen hergestellt. Die machen sehr schöne Stücke! Ich denke, solche Sachen muss man unterstützen, und das geht eben nur wenn man sich wirklich überlegt, was man kauft. Wenn man nicht jede Woche ein neues Teil kauft, sondern eher seltener etwas kauft und dafür etwas mehr dafür ausgibt. Und sich überlegt, was kaufe ich, was brauche ich wirklich – dass ich gut aussehe darin, dass es praktisch ist, und dass ich es lange tragen kann. Dann kann man für jedes Stück auch mehr Geld ausgeben. Das geht in Richtung bewusster Konsum.

Wenn man nicht viel Geld hat, oder wenn’s einem Spaß macht, kann man sich auch überlegen, mehr selbst herzustellen. Dann kauft man nach Möglichkeit den nachhaltig hergestellten Stoff, und macht sich sehr viel mehr Gedanken, was man macht, was man tragen will, was die eigene Persönlichkeit ausdrückt, und was man lange tragen will.

Man kann das auf das Stichwort bringen, sehr viel mehr Gedanken in jedes Kleidungsstück stecken.

F: Super! Und den Eindruck habe ich bei jedem unserer Treffen, dass du das wirklich bis zur Perfektion betreibst, dass du dir unheimlich viel Gedanken darüber machst, was du tust, was die Geschichte hinter jedem Stück ist. Du machst ja auch Upcycling zum Teil.

Gibt es denn bestimmte Stilepochen, Kleidungsepochen, oder gewisse Stilrichtungen, die deinen Kleidungsstil inspirieren?

W: Also, einmal experimentiere ich einfach, schau was um mich herum getragen wird. Oder ich habe zum Beispiel ein gebrauchtes Oberteil gekauft, finde das sehr schön, trage es auch weiterhin, habe aber ein zweites Oberteil aus Leinen gemacht und dem nachempfunden. Ich sehe Modelle überall um mich herum.

Wegen Epochen, eigentlich würde ich sagen, dass ich mich mehr inspirieren lasse durch die Kleidung, die heute in Indien getragen wird, und was Männer in Westafrika tragen. In Indien, da gibt es Kurtas und alle möglichen verschiedenen Arten von Kleidungsstücken, interessante Schnitte. Die Schnitte sind zum Teil zwischen den männlichen und den weiblichen Kleidungsstücken gar nicht so anders. Die Farben sind oft sehr anders, aber was Männer zu Hochzeiten tragen, ist oft in den Farben auch relativ ähnlich wie was die Frauen tragen. Das Stück, das ich für Mardi Gras gemacht habe vor Jahren, hatte ich nach indischen Kleidungsstilen empfunden. Das Stück habe ich gar nicht mehr, das habe ich irgendwann mal weggeworfen, weil ich es nicht normalerweise tragen konnte!

An Westafrika gefällt mir, dass Männer da Roben tragen, mir gefallen die Schnitte und die Farbenfreude! So was finde ich inspirierend.

F: Ja, den Eindruck habe ich nämlich auch jedes Mal, wenn ich dich sehe. Es ist ja nicht nur so, dass du noch relativ offensichtlich ein Mann in Frauenkleidern bist, sondern du versteckst dich ja nicht indem du unauffällige, oder schwarze oder nur weiße Farben trägst. Sondern du bist jemand, der sehr in Farben schwelgt, und damit auch kommuniziert. Auch jetzt, du hast ein wunderschönes rotes Seidenoberteil an, also das darf auch knallen, was du da tust! Das finde ich ganz toll zu sehen, du bist wie ein Schmetterling, der in den blühendsten Farben seine Flügel ausbreitet!

Abgesehen davon, du hast mal zur Sprache gebracht, dass weil du einen männlich gelesenen Körper hast, deine Weiblichkeit einer besonderen Markierung bedarf. Wie erreichst du diesen Eindruck nach außen hin, oder hast du auch das Gefühl von Weiblichkeit durch deine Kleidung, durch gewisse Schnitte, oder durch gewisse Materialien?

W: Einmal, wenn eine Frau eine Hose trägt, dann ist sie immer noch eine Frau und wird auch als eine Frau gelesen. Wenn ich eine Hose trage, werde ich sofort als Mann gelesen.

F: Kommt auf den Hosenschnitt an!

W: Ja, ja, natürlich, das schon! Die Hosen, die ich derzeit trage, sind Frauenhosen. Die trage ich auch sehr gerne. Die passen mir sehr viel besser als die Jeans, die ich vorher immer getragen habe. Ich hatte immer Probleme, Jeans zu finden, die mir wirklich passen. Bei etwas lockeren Frauenhosen, die aus weichem Stoff sind, da ist das überhaupt kein Problem. Aber ich mache es schon gerne ein bisschen offensichtlicher, dass ich Frauenkleider trage, indem ich zum Beispiel immer Röcke oder Kleider trage. Und auch Handtaschen. Auf Handtaschen bin ich relativ langsam gekommen, aber ich habe jetzt vor Kurzem meine zweite Handtasche gemacht…

F: Yay!

W: Ich denke, so allmählich mache ich auch mehr Accessoires. Das ist auch eine Möglichkeit, Stoffreste zu verwenden!

F: Absolut!

W: Das sind dann Kleidungsstücke, die ganz offensichtlich feminin sind. Oder ich trage ein rosa und schwarzes Kleid, das ich kürzlich genäht habe. Das ist eine Farbe, die derzeit als weiblich gesehen wird. Vor hundert Jahren war das eine männliche Farbe! Das ist total willkürlich. Man kommuniziert immer in der Sprache, die heute an diesem Ort gesprochen wird. Und heute an diesem Ort ist pink eben weiblich! Ich experimentiere also gerne mit solchen Farben, und sehe, ob mir das steht und ob mir das Spaß macht, und mache das dann!

F: Und das scheint es ja zu tun, definitiv! Hast du noch spezielle andere Inspirationsquellen, die du heranziehst für deinen textilen Ausdruck?

W: Einmal, einfach verschiedene Stoffe. Ein Beispiel ist der Rock, den ich aus einem Poncho gemacht habe. Das ist ein handgemachter Stoff, die Fäden sind recht dick, der Stoff selbst ist schwer. Mit dem arbeitet es sich ganz anders als mit einem maschinengewebten Stoff, der viel feiner ist. Das war ein Erlebnis, zu sehen, was kann ich mit diesem Material machen? Das war etwas schwieriger, ich habe aber ein Ergebnis gefunden, dass mir gefällt. Also, es inspiriert mich die Auseinandersetzung mit dem Stoff, was kann man mit diesem Stoff machen, was kann man mit jenem Stoff machen? Was kann man mit Seide machen, oder mit Leinen, und so weiter? Wenn ich irgendeinen Gedanken hatte über ein Kleidungsstück, das ich machen wollte, und ich habe einen Stoff angeschafft, der eigentlich für dieses Design nicht so der beste war, dann hat sich das Design verändert! Dann ist irgendwas anderes daraus geworden. Das war ganz spannend!

F: Wir haben jetzt ganz viel darüber geredet, was deine Kleidung in Bezug auf deine Identität, auf deinen Ausdruck, auf deine Spielwiese im textilen Bereich für dich ist, aber welche Funktion hat Kleidung für dich letztendlich?

W: Sie hat natürlich die ganze einfache Funktion, sich vor Regen oder Sonne oder sonstwas zu schützen! Aber natürlich tragen wir sie für sehr viel mehr als das. Sonst könnten wir oft nackt draußen rumwandern! Wenn’s gerade gutes Wetter ist!

F: Oder in einem Kartoffelsack!

W: Ja!

Kleidung ist auch Selbstausdruck, ein Ausdruck über die soziale Rolle, die man spielt. Wenn man in der Bank arbeitet, muss man etwas anderes tragen, als wenn man in der Theaterkasse sitzt. Kleidung ist ein Ausdruck von ganz verschiedenen Aspekten über sich selbst. Auch über kulturelle Zugehörigkeit, welcher Kultur oder Religion man sich zugehörig fühlt. In dem Sinne ist Kleidung Kommunikationsmittel.

F: Absolut! Und ich habe den Eindruck, dass du im Moment in deinem Stil sehr frei bist. Du trägst Kleidungsstücke, wo man sehr stark merkt, dass das sehr individuell ist, und dass du dich in keine Schublade packen lässt. Außer über die Tatsache, dass es offensichtlich weibliche oder männliche Kleidung ist – eben nicht männliche. Finde ich sehr spannend! Das heißt, in welchem Zusammenhang stehen für dich Kreativität und Femininität?

W: Ich hatte ja schon erwähnt, dass ich männliche Kleidung als langweilig empfinde, und deshalb war ich auch nicht inspiriert, zu nähen, solange ich Männerkleidung trug. Ich finde die Vielfalt an Formen und Farben und Schnitten, die man mit Frauenkleidung machen kann, einfach viel reichhaltiger, und deshalb macht es mir auch mehr Spaß, Frauenkleider zu machen. Allerdings könnte ich mir auch vorstellen, wenn es Männer gibt, die gerne Röcke tragen, oder Kleider, dass ich auch für die gerne was schneidern möchte. Wenn mehr Männer Interesse daran haben, da irgendwas zu entdecken, auszuprobieren, dann würde ich ihnen sehr gerne helfen!

F: Ich hoffe, die Welt hört dieses Angebot!

Kannst du mir einmal beschreiben, wie normalerweise dein kreativer Prozess von der Inspiration bis zum fertigen Kleidungsstück abläuft?

W: Ich nehme mal als Beispiel das grüne Sommerkleid, das ich kürzlich gemacht habe, weil ich kein wirkliches Sommerkleid hatte! Was für einen Schnitt nehme ich? Ich hatte aus einem Buch schon mal ein Oberteil gemacht, der Schnitt passte mir gut für das Oberteil des Kleides. Dazu wollte ich ein Rockteil, das locker hängt, mit internen Taschen. Da habe ich mir gedacht, mache ich einfach einen quadratischen Schnitt, ziehe das Teil oben ein bisschen zusammen. Ich fand einen wunderschönen grünen Musselin-Stoff, der fühlt sich ungeheuer weich und angenehm an auf der Haut und ist sehr luftig! Für die Taschen habe ich Ärmel verwendet, die ich abgeschnitten hatte von einem indischen Hemd. Weitere Kleiderreste konnte ich für den Ausschnitt oben verwenden. So habe ich jetzt dieses hervorragende Sommerkleid!

F: Steht dir auch sehr gut!

Vielen Dank für das Interview!

Jane: Ja, vielen Dank für diese spannende Perspektive.

Vielleicht in diesem Zusammenhang oder auch darüber hinaus gehend: was bedeutet Mode für dich, ganz generell gesprochen, in einer Gesellschaft oder für jede Person? Welche Rolle kann Mode in gesellschaftlichem Wandel spielen?

W: Gut, wenn man historisch spricht, Mode war mal das, was am französischen Hof getragen wurde, und dann in den Rest Europas transportiert wurde. Mode wurde an einer ganz bestimmten Stelle hergestellt, und dann richteten sich die anderen danach. Das Konzept von Mode hat sich natürlich enorm entwickelt seit der Zeit, es gibt verschiedene Modezentren, Mode für die Haute Couture, Mode für die eher normalen Menschen, usw. Für mich wäre die Vision, dass die Mode sich weiter entwickelt zu etwas, das sich wirklich bottom-up entwickelt. Das geschieht ja auch oft, dass irgendwelche Modetrends aus der Hiphop-Szene zum Beispiel aufgegriffen werden. Ich hoffe aber nicht, dass solche Trends von irgendwelchen Modehäusern aufgegriffen werden um Riesenprofite zu machen, sondern dass Mode etwas wird, das kontinuierlich aufsteigt von den Menschen. Dass sie sich neue Sachen entwickeln für sich selbst, neue Trends kreieren und umändern, und auch durch Upcycling Sachen verändern, alte Sachen wieder neu machen, so dass es keine zentralisierte Entwicklung von Mode gibt, sondern dass die sich überall entwickelt und neue Ausdrucksformen entwickelt.

J: Das ist richtig spannend, alle diese Diskurse miteinander zu verbinden und zu einer Gesamtzukunftsvision zu kommen, finde ich richtig spannend zu hören, wie das in deiner Darstellung zusammenfließt!